Erziehungsberatungsstellen

 

1918/19: Adler hielt an der Volkshochschule „Volksheim" in Wien-Ottakring einen Kurs mit dem Titel „Über praktische Erziehungskunst und Menschenkunde". Im Zusammenhang damit sah sich Adler veranlasst, auch eine Erziehungsberatungsstelle einzurichten, über die im Jahresbericht des „Volksheims" im Jahre 1919 von Adler selbst referiert wurde; Else Horwitz, eine Mitarbeiterin Adlers in dieser Zeit, präsentierte im selben Jahresbericht 20 kurze Falldarstellungen aus dieser Erziehungsberatungsstelle.
Ebenfalls im Jahre 1919 eröffnete Adler im Volksbildungshaus Stöbergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk eine weitere Beratungsstelle für schwer erziehbare Kinder.

1920, so berichtet Regine Seidler (1935, 218), eine enge Mitarbeiterin Alfred Adlers, sei die erste Lehrerarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung in Wien entstanden, „die unter Leitung Alfred Adlers Schulkinder, die Erziehungsschwierigkeiten irgendwelcher Art boten, retten wollte". In den Folgejahren entstanden weitere „Beratungsstellen in anderen Wiener Inspektionsbezirken, bis die Anzahl derselben im Jahre 1928 den Höhepunkt, die Zahl 11, erreichte" (Seidler 1935, 219). Neben dem Versuch, Lehrern und Schülern bei Schulschwierigkeiten beratend zu helfen, diente dieser spezielle Typ von Erziehungsberatungsstellen, die als Schulberatungsstellen bezeichnet wurden, auch der praktischen Ausbildung von Lehrern, so dass sie zu einer individualpsychologischen Betrachtungs- und Behandlungsweise von schwierigen Schulkindern befähigt sind.

1921: Im Sommer des Jahres 1921 weitete Alfred Adler seine Aktivitäten am „Volksheim" aus: Neben seiner Vortragstätigkeit und der Durchführung von Erziehungsberatungen gründete er in diesem Jahr auch eine „Fachgruppe für Erziehungswesen".
Darüber hinaus wurden im Jahre 1921 vier unter der Leitung von Dr. Alfred Adler stehende Erziehungsberatungsstellen in Zusammenarbeit mit der „Bereitschaft", einem privaten Fürsorgeverein, eröffnet. Diese Beratungsstellen waren an den folgenden Orten angesiedelt:
Wien III., Kronprinz-Rudolf-Kinderspital, Baumgasse 75;
Wien IX., Amtshaus, Währingerstraße 43;
Wien XV., Witzelsbergergasse 27;
Wien XXI., Frömmelgasse 33.
Ab 1924 werden diese Beratungsstellen in den Tätigkeitsberichten nicht mehr erwähnt, dafür jedoch wird von der Beratungsstelle in der Zentrale der „Bereitschaft" im ersten Wiener Gemeindebezirk berichtet. Dazu kam 1926 ein von Individualpsychologen geführtes Nachmittagserziehungsheim in Wien III, Oberzellergasse 8, hinzu.

1923: In dieses Jahr fällt die Gründung der ersten Erziehungsberatungsstelle bei den „Kinderfreunden".

1924: In diesem Jahr wurde in Zusammenarbeit mit der „Caritas" eine Erziehungsberatungsstelle im 7. Wiener Gemeindebezirk und später eine solche im Caritashaus im 9. Wiener Gemeindebezirk eröffnet. Die ärztlich-psychologische Leitung dieser Beratungsstellen übernahm Dr. Rudolf Allers.
1924 ist auch das Gründungsjahr des von den Individualpsychologinnen Dr. Stephanie Horowitz und Dr. Alice Friedmann geführten Erziehungsheims in der Wienzeile im 6. Wiener Gemeindebezirk, an dem Erziehungsberatung, ein Erzieherkurs und ein Spielnachmittag für Kinder angeboten wurde.

In den Folgejahren wurden einerseits bei privaten Vereinen und Fürsorgeeinrichtungen (Settlement) weitere Beratungsstellen eröffnet, andererseits - wie bereits erwähnt - die Erziehungsberatung an Schulen, aber auch an Kindergärten, ausgebaut. Hinzu kamen Beratungsstellen in Amtshäusern, an Krankenanstalten etc.

1926: Insgesamt existieren in diesem Jahr 14 individualpsychologische Beratungsstellen.

1927: Bereits in den vorangegangenen Jahren wurden Ausbildungskurse für Lehrer und andere Personengruppen angeboten. In diesem Jahr wird zum ersten Mal über eine sogenannte Elternratsschule berichtet, die jedoch offensichtlich zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre existierte. In dieser Elternratsschule wurde in einem 8- bzw. 14-tätigen Rhythmus unter anderem ein „Kurs für praktische Erziehung" für die 28 dem Bezirks-Elternverband angeschlossenen Elternvereinigungen und sonstige interessierte Personen angeboten, womit das Ziel der Propagierung individualpsychologischer Überlegungen und die Heranbildung individualpsychologischer Männer und Frauen verfolgt wurde.
In Wien wurde zudem 1927 die Wiener pädagogische Arbeitsgemeinschaft des Internationalen Vereins für Individualpsychologie gegründet, deren Zweck die Auseinandersetzung mit pädagogischen Problemen aus individualpsychologischer Sicht, die Propagierung der Individualpsychologie und die Durchführung eines Ausbildungsseminars war.
Vereinseigene Ankündigungen enthalten eine Liste von 24 individualpsychologischen Beratungsstellen (Sachlichkeit 4/1927, [5]).

1931/32: An der Volkshochschule Leopoldstadt wird eine „individualpsychologische Beratungsstunde" eingeführt.

1933: Ende 1933 gibt es noch 10 Erziehungsberatungsstellen; allerdings wird daneben auf 17 individualpsychologische ErziehungsberaterInnen hingewiesen, die Sprechstunden abhalten.

1934: Ob die für April und Mai 1934 angekündigten Erziehungsberatungsstellen noch geöffnet bzw. die Sprechstunden von individualpsychologischen Erziehungsberatern noch abgehalten wurden, ist fraglich, denn nach den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen vom 12. Februar 1934, der Etablierung der ständestaatlich-totalitären Regierung unter Engelbert Dollfuß und dem Verbot von Parteien wie der Österreichischen Sozialdemokratie wurden die Aktivitäten von Individualpsychologen wegen der nun verfemten engen Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie sehr stark eingeschränkt.