„Es kommt nicht darauf an,
was einer mitbringt,
sondern was er daraus macht.“

Alfred Adler    Mehr Information …

 

49. Integratives Seminar

für Psychotherapie in Bad Gleichenberg

Zur Gegenwart einer Illusion

Den amtierenden Fußballweltmeister, Deutschland, nach Jahrzehnten in einem Freundschaftsspiel besiegt zu haben, ist eine „historische Leistung“. Wir sind Weltmeister! Zumindest gefühlt, denn wir – das ist genauer betrachtet ein Nationalteam, das sich nicht mal für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Was übrigens ganz praktisch ist, denn so ein Wettbewerb hätte den entschiedenen Nachteil, unserer weltmeisterlichen Euphorie eine allzu harte Bruchlandung am Boden der Fußballrealität zu bescheren. Wir sehen: Illusionen ersparen uns nicht nur Unlustgefühle, sie ermöglichen uns Genuss und Befriedigung. Daher lieben wir Illusionen und nehmen es jenen übel, die unsere Trugbilder zum Einsturz und unsere Luftblasen zum Platzen bringen. Selbst der anarchistische Illusionsstürmer, Paul Feyerabend, berichtet in seiner Autobiographie Zeitverschwendung von seiner Faszination für Live-Wrestling, dessen Genuss für ihn wie ein Lebenselixier gewesen sei.
Wie jeder andere hatte auch ich meine Helden; ich zitterte, wenn sie in Schwierigkeiten gerieten, und war erleichtert, wenn sie gewannen. (...) Robin (...) demonstrierte mir überzeugend, daß alles nur Betrug war. Der Ausgang des Kampfes wurde vorher vereinbart, und das Blut war künstlich. Ich habe Robin bis heute nicht verziehen“ (Feyerabend, 1997, 165f.). Einsicht schmerzt, Aufklärung ernüchtert und ist nicht selten ungleich langweiliger als eine illusorische Sicht der Dinge.

Das Spiel mit der Realitätswahrnehmung ist eine Kunst – täuschend echt wie der Vorhang des Parrhasios – dazu gemacht, noch die trickreichsten IllusionistInnen selbst zu täuschen. Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben: Wer von uns ohne Illusionen ist, werfe den ersten Stein. Der Wunsch ist bekanntlich Vater des Gedankens. Vor allem dann, wenn wir die Erfahrung machen, dass die Welt eben nicht so läuft, wie wir sie uns wünschen. Das kratzt an unserem narzisstischen Gleichgewicht. Immer schon, insbesondere aber in einer Zeit, die Empfindsamkeit gegen Empfindlichkeit eingetauscht zu haben scheint. An dieser narzisstischen Wegscheide der Widerständigkeit der Welt jedenfalls erwartet uns die Mutter aller Illusionen – die Religion. Wer allerdings ausschließlich in der schon lange (etwa Horkheimer & Adorno, 1947) prognostizierten Wiederkehr des unaufgeklärt Religiösen im Gewande des Fundamentalismus das Problem sieht, übersieht, dass dies auch als Antwort auf eine andere, nicht minder wirkmächtige und aufzuklärende Illusion zu sehen ist – den fundamentalistischen Marktglauben an eine unsichtbare Hand, die alles zum Wohle aller regelt über die Chancengleichheit aller MarktteilnehmerInnen bis hin zu unendlichem Wirtschaftswachstum. Aufklärung tut not, ist allerdings kein gutes, kein dankbares und kein einfaches Geschäft. Zudem sollten wir Aufgeklärte nicht vergessen, dass selbst noch die Aufklärung und die modernen Wissenschaften dem Schoß der Religion entsprungen sind. Selbstredend gilt dies auch für die Psychotherapie, die ihrerseits emanzipative Selbstaufklärung in den Dienst der Sorge um sich selbst stellt.

Aus der psychotherapeutischen Desillusionierungsarbeit und –kunst wissen wir, dass ein Leben ohne Illusionen vermutlich nicht möglich, vielleicht aber auch gar nicht wünschenswert ist. Eine Leben ohne Lebenselixier Illusion - was wäre das für ein Leben?! Zugleich wissen wir, dass sich die Mühe der Desillusionierung lohnt. Denn allein das Bewusstsein darüber, einer Illusion anzuhangen, hat ihre Wirkmacht und scheinbare Alternativlosigkeit bereits verändert. Es ist dies einer der wenigen Zusammenhänge, in denen selbst der tendenzielle Kulturpessimist Freud vorsichtigen Optimismus wagte:
Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzähligen oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf“ (Freud, GW XIV, 1927c, 377).

Ich hoffe, dies erweist sich nicht als Illusion.

Fruchtbare Lebenselixiere und lustvolle Illusionsverstörungen in Bad Gleichenberg wünscht uns allen,
Dave J. Karloff

Weitere Informationen sowie die Anmeldung finden Sie unter: Integratives Seminar für Psychotherapie in Bad Gleichenberg

Datum / Zeit
21.10. - 26.10.2018 14:30 - 12:30 Uhr
Preis435 bzw. 335
Freie Plätze200
Veranstaltungsort
Bad Gleichenberg
8344,Bad Gleichenberg,
Österreich
Trainer
Keine Angaben
 
Nach oben scrollen, Scroll to top
OeVIP Logo